Aus der Geschichte unseres Dorfes

Altweidelbach, ein kleines Hunsrückdorf von ca. 250 Einwohnern, liegt etwas abseits der Durchgangsstraßen ungefähr 3 km östlich der Kreisstadt Simmern, oberhalb des Simmerbaches, auf einer Höhe von 430m über NN. Von allen Gebäuden des Ortes fällt besonders die Evangelische Kirche mit der davor stehenden alten Dorflinde ins Auge. Diese Linde wurde durch einen Blitzschlag so stark beschädigt, daß sie jetzt - mit nach Westen offenem Stamm - quasi halbiert vor uns steht. Man weiß, daß der Linde im Volksbrauchtum der Germanen eine wichtige Rolle zukam. Sie war Gerichts- und Femeort. Feste, Versammlungen und Trauungen fanden bevorzugt unter Dorflinden statt. Es spricht einiges dafür, daß auch der Platz um die Altweidelbacher Linde einst als germanischer Gerichtsort genutzt wurde.
Ebenfalls bestimmend für das Ortsbild ist ein alter Röhrenbrunnen, dessen Wasser früher als heilkräftig galt.
Dominiert wird die Ortsansicht heute aber von sieben mächtigen Windkrafträdern, die südlich und nördlich der K 52 in Richtung Wahlbach, ca. 500 Meter von der Altweidelbacher Ortsgrenze entfernt, aufragen.
Durch zahlreiche Neubauten und den starken Rückgang der Landwirtschaft hat der Ort in den letzten Jahren sein Gesicht stark verändert. Immer mehr Fachwerkhäuser und Scheunen verschwinden, wodurch der frühere Eindruck eines typischen Bauerndorfes mehr und mehr verlorengeht. Gemeindemühle und Stierstall sind seit langem nicht mehr in Gebrauch und wurden jüngst für modernere Nutzungszwecke umgebaut.
Seit 1865 besteht der Dorfgasthof "Zum Dorfkrug". Einkäufe müssen heute in der Kreisstadt erledigt werden, denn ein Lebensmittelladen existiert nicht mehr. Auch die örtliche Poststelle wurde Ende 1986 geschlossen, die postalische Versorgung dem Landzusteller übertragen.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Altweidelbach im Jahre 1006 in einer Urkunde, mit der Erzbischof Williges aus Mainz die zu Mörschbach neu errichtete Kirche einweihte und ihren Pfarrsprengel festlegte. Die in dieser Urkunde verwendete Schreibung "Widimbach", aus der sich später über "Widelbach" Weidelbach entwickelte (erst seit dem 16. Jahrhundert wurde zur Unterscheidung von dem zweiten Weidelbach bei Rheinböllen - heute Kleinweidelbach - die Vorsilbe "Alt-" hinzugefügt), gibt wichtige Hinweise zur Deutung des Ortsnamens. Die Sprachforscher führen ihn auf das althochdeutsche "wida" (Weidenbaum) zurück und geben für den Ortsnamen die Erklärung: Bach mit Weidenbäumen.

Bodenfunde machen deutlich, daß die Altweidelbacher Gemarkung schon in römischer Zeit besiedelt war. Südlich der Höhe 445,1, nördlich von Mutterschied, hat man eine römische Landsiedlung (Gutshof) lokalisieren können. Außerdem durchquerte eine von den Römern angelegte Verbindungsstraße, die sog. "Steinstraße", die Altweidelbacher Gemarkung. In ihrer Nähe wurde um 1860 in der Flur "Hammesheck" eine römische Urne gefunden.

Die eigentliche Ortsgründung erfolgte aber erst nach dem Ende der römischen Herrschaft und der Völkerwanderung. In der zweiten Phase der Neubesiedlung durch die Franken, datiert ins 8. Jahrhundert, entstanden die Ortschaften, deren Namen auf -hausen und -bach enden. Wahrscheinlich ist auch Altweidelbach in dieser Zeit gegründet worden. 1006 gehörte es zur Grundherrschaft bzw. zum Vogteibezirk des Mörschbacher Kirchengründers Thidrich von Mörschbach. Aber noch im 11. Jahrhundert kam es in den Besitz der Gaugrafenfamilie der Bertholde und wurde 1074 dem zum Chorherrenstift erhobenen Ravengiersburg angeschlossen, behielt aber vorerst sein eigenes Schöffengericht mit abgegrenztem Gerichtsbezirk. Die Blutgerichtsbarkeit (wegen schwerer Delikte, die mit Körperstrafen bedroht waren) übte das Ravengiersburger Vogteigericht am Hochgerichtsplatz an der Nunkirche aus. Fand dort eine Gerichtssitzung statt, so hatten die Altweidelbacher den First des Galgens und eine Leiter zu stellen. Das Altweidelbacher Dorfgericht, besetzt mit drei oder vier Schöffen, wurde unter der Dorflinde an zwei "ungebotenen Dingtagen" (= regelmäßige Gerichtsversammlungen) im halben Mai und zu Martini unter dem Vorsitz des Klosterschaffners oder Schultheißen gehalten. "Dingpflichtig" (= zur Teilnahme verpflichtet) war jeder Dingmann oder Huber, der im Gerichtsbezirk empfängliche Güter liegen hatte. In Altweidelbach gab es 21 solcher Güter. Sie waren alle "besthauptpflichtig", d.h. daß im Falle des Todes eines Familienvorstandes das jeweils beste Stück Vieh als eine Art Erbschaftssteuer abzugeben war. Zu den Pflichten der 21 Lehensleute gehörte u.a. das Heumachen in der Probstwiese, das mit zwei Wagen in die Klostermühle nach Oberdiebach gefahren werden mußte.

Zwischen 1410 und 1598 sowie 1610 und 1673 gehörte Altweidelbach zum selbständigen pfälzischen Herzogtum Simmern, zwischen 1598 und 1610 sowie nach 1673 bis zur französischen Besetzung 1794 mit dem Simmerner Territorium (Oberamt Simmern) zu Kurpfalz. Zur Straffung der Verwaltung wurden die einzelnen Ortschaften zu Schultheißereien zusammengefaßt. Um 1600 war Altweidelbach noch selbständiges Gericht mit eigener Schultheißerei; im 17. Jahrhundert hat man es mit Mörschbach, Schnorbach und Wahlbach zu einer Schultheißerei vereinigt. Das Gericht der Schultheißerei bestand neben dem Schultheißen und dem Gerichtsschreiber aus neun Schöffen, von denen drei aus Mörschbach und je zwei aus den anderen drei Orten kommen sollten.

Wie groß war Altweidelbach damals? 1498 lebten 67 Erwachsene in Altweidelbach, was ca. 100 Einwohnern entspricht. 1599 war die Zahl mit 14 Familien in etwa gleich geblieben. Im 17. Jahrhundert ging die Bevölkerungszahl durch die Schrecken des 30jährigen Krieges und die Pest auf sieben Familien zurück. 1672 werden wieder 48 Einwohner in 12 Familien, 1698 58 Einwohner gezählt.

Bei der französischen Besetzung im Jahre 1794 wurde Altweidelbach vollständig ausgeplündert. Bis 1815 gehörte das linke Rheinland zu Frankreich, nach 1815 zu Preußen. Das frühere Oberamt wurde nun vom Kreis Simmern abgelöst, die Schultheißerei durch das Amt ersetzt. Große Brände trafen den Ort in den Jahren 1866, 1897 und 1975, als drei Scheunen und ein Wohnhaus abbrannten, mehrere kleinere Einzelbrände ereigneten sich zu Beginn des Jahrhunderts und zuletzt 1993. Einige wichtige Daten aus dem 20. Jahrhundert:

1913/14Bau der Wasserleitung
1914-1918I. Weltkrieg: 10 Altweidelbacher fallen, 2 werden vermißt
1918/19französische Einquartierung
1929Straßenrinnen im Dorf gepflastert
1937erstes Auto im Dorf
1939-1945II. Weltkrieg: die Altweidelbacher müssen 4 Gefallene und 3 Vermißte beklagen
1945, Märzamerikanische Besatzung, abgelöst im August durch französische Soldaten
1949/50neues Wasserhaus an der Argenthaler Straße, neuer Stierstall und Genossenschaftsmühle erbaut
1951Dorfstraße neu befestigt
1957/58Dorfstraße erhält Teerdecke
1958Backhaus wird abgerissen, Dorfstraße begradigt
19592 Fernsehapparate, 10 Autos im Dorf
1963Abschluß der Zusammenlegung
1966Gemeindestiere verkauft, neues Wasserhaus am Argenthaler Weg
1968Kirmes vorverlegt wegen Turnhallenabriß
1969Schule aufgelöst
1978Straßennamen eingeführt
19931. Ordination in Altweidelbach (Pastor im Hilfsdienst Dr. Johannes Jung)
2000/2001Windpark Altweidelbach mit 7 Windkrafträdern errichtet
2004K 52 wird innerhalb der Ortslage nach gründlicher Erneuerung freigegeben
20061000-Jahrfeier

Kirchlicherseits wurde Altweidelbach noch vor 1100 von Mörschbach abgetrennt und der Großpfarrei Simmern zugeordnet, von wo aus ein vom Simmerner Herzog vorgeschlagener Kapellan die Altweidelbacher Kapelle betreute. Nach der Reformation änderte sich die Pfarreinteilung. Altweidelbach wurde Filiale von Pleizenhausen, wurde aber im 17. Jahrhundert, als das Pleizenhäuser Pfarramt vakant war, von anderen Pfarrern mitbetreut, u.a. von Argenthal und Horn aus. Die Kauber Kirchenteilung im September 1706 sprach die Altweidelbach Kirche den Reformierten zu. 1761 erfolgte an der Stelle der völlig zerfallenen Kapelle ein Kirchenneubau. Der den Altar im Osten dreiseitig umschließende Saalbau mit Dachreiter von achteckigem Grundriß wird dem Maurer Adam Häuser zugeschrieben. Nach der Volksüberlieferung sollen die hierfür benötigten Steine von 13 Bürgern in dem "Wolfsloch" genannten Waldstück gebrochen worden sein. Im Jahre 1796 konnte von der berühmten Orgelbauerfamilie Stumm aus Rhaunen eine Orgel erworben werden. 1785 wurde Altweidelbach aus dem Pfarrverband mit Pleizenhausen gelöst und - nach einer kurzen Argenthaler Zwischenepisode - 1814/15 dauerhaft mit der Pfarrei Simmern verbunden. Gründliche Renovierungen erfuhr die Kirche 1857/58, 1892, 1907, 1956 und 1983, die Orgel wurde 1839 repariert und 1988 grundlegend restauriert. 1838 wurde der Friedhof von der Kirche an den Ortsrand verlegt. 1853 erhielt die Kirche neue Glocken, 1880 neue Kirchenfenster. Seit ihrer Errichtung ist die Altweidelbacher Kirche bis heute das Schmuckstück des Dorfes geblieben. In zahlreichen Veröffentlichungen ist sie als ein hervorragendes Beispiel einer barocken Dorfkirche gerühmt worden, wozu die hübsche Umgebung vorteilhaft beiträgt.

Schulmäßig gehörte Altweidelbach seit der Reformation zu Pleizenhausen. Nach mehreren Anläufen konnte man sich 1736 von der dortigen Schule trennen und durfte auf eigene Kosten einen Winterschullehrer einstellen. 1819/20 wurde ein eigenes Schulhaus erbaut, das aber bald den Anforderungen nicht mehr entsprach. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite (wo heute die Turnhalle steht) wurde deshalb 1857 ein Schulsaal errichtet, das alte Gebäude nur noch als Lehrerwohnung genutzt. Erst 1912 sind durch den Neubau der Schule Schulsaal und Lehrerwohnung wieder vereinigt worden. 1969 wurde die Schule aufgelöst. Die Altweidelbacher Kinder besuchen seitdem die Schulen in Simmern.

Dr. Achim Baumgarten